Täglicher Kommentar zu zentralen Stellen der Evangelien in chronologischer Folge

Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia

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20.4.21

Johannes 8: 1-11

 

1 Jesus aber begab sich zum Ölberg.12

Die Ehebrecherin

Am frühen Morgen ging er wieder in den Tempel. Alles Volk strömte ihm zu. Er setzte sich und lehrte sie.

3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war, stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: "Meister, diese Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden.

5 Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?"5

6 Mit dieser Frage wollten sie ihn nur auf die Probe stellen, um ihn anklagen zu können. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf den Boden.67

7 Als sie weiter mit Fragen in ihn drangen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie!"8

8 Und er bückte sich abermals nieder und schrieb auf den Boden.9

9 Als sie die Antwort hörten, gingen sie davon, einer nach dem andern, die Ältesten voran. So blieb Jesus allein mit der Frau zurück, die in der Mitte stand.10

10 Jesus richtete sich auf und fragte sie: "Frau, wo sind sie? Hat keiner dich verurteilt?"

11 Sie sagte: "Keiner, Herr." Da sagte Jesus zu ihr: "Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige fortan nicht mehr!"11

 

Catena Aurea – Hl. Thomas von Aquin. Eine fortlaufende, ganz aus den Stellen der Kirchenväter und Kirchen-Schriftsteller bestehende Auslegung der vier Evangelien.               
Übersetzung aus dem Lateinischen, Johannes. Nepomuk Oischinger, Priester. Verlag von G. Joseph Manz, 1846

 

Was ferner die Geschichte anlangt[1], so bezeichnete er sich dadurch, daß er mit dem Finger auf die Erde schrieb, vielleicht als den, welcher einst das Gesetz auf den Stein schrieb.

Es folgt: Da sie ihn aber beständig fragten, erhob er sich. — Er sagte nicht[2]: Sie soll nicht gesteinigt werden, damit er nicht gegen das Gesetz zu sprechen schiene. Es sei aber ferne, daß er sagte: Sie soll gesteinigt werden. Denn er kam nicht, zu verderben, was er gefunden hatte, sondern zu suchen, was verloren war. Was antwortet er also? Wer von euch ohne Sünde ist, werfe zuerst den Stein auf sie. Dieses ist die Stimme der Gerechtigkeit: Die Sünderin werde gestraft, aber nicht von den Sündern; das Gesetz werde erfüllt, aber nicht von den Übertretern des Gesetzes. — Denn wer zuvor sich selbst nicht richtet[3], weiß das Rechte an Anderen nicht zu beurteilen; und wenn er es auch vom Hörensagen kennt, vermag er doch fremde Verdienste nicht recht zu beurteilen, weil ihm das Gewissen der eigenen Unschuld keinen Maßstab, zu urteilen, an die Hand gibt.

Da er sie also mit dem Schwert der Gerechtigkeit durchbohrt hatte[4], wollte er die Fallenden nicht ansehen, sondern wendete von ihnen seinen Blick hinweg. Daher folgt: Und er beugte sich wiederum, und schrieb auf die Erde. — Auch kann man es so verstehen[5], der Herr habe dieses seiner Gewohnheit gemäß getan, um ihnen, da er gleichsam etwas Anderes tat und seinen Blick auf etwas Anderes hinwendete, Gelegenheit zu geben, hinwegzugehen. Dadurch ermahnt er uns auch bildlich, daß wir, ehe wir den fehlenden Bruder zurechtweisen, und nach der Zurechtweisung, genau überlegen sollen, ob wir denselben Sünden, weswegen wir den Nächsten züchtigen, oder einigen anderen ergeben seien. — So sahen sie sich also mit dem Worte der Gerechtigkeit wie mit einem Schwert durchbohrt[6] erkannten sich für schuldig und verließen alle, der eine nach dem anderen den Ort. Denn es heißt: Da sie aber dieses hörten, gingen sie hinaus, der eine nach dem anderen, von den Ältesten angefangen. — Diese waren vielleicht die schuldigsten[7], oder erkannten am meisten ihre Schuld.

 

[1] Beda

[2] Augustinus tract. 33.

[3] Gregor mor. 13, 14

[4] Augustinus ut sup.

[5] Alcuinus

[6] Augustinus ut sup.

[7] Glosse

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AUS DEN SCHRIFTEN VON LUISA PICCARRETA

 

30. Juli 1899

Über die Nächstenliebe und die Wertschätzung des Wortes Jesu.

Es geht fast stets auf dieselbe Art weiter. Als mich Jesus diesen Morgen in gewohnter Weise aus mir herausbrachte, gingen wir mitten durch viele Leute hindurch, und die Mehrheit von ihnen war darauf bedacht, die Handlungen anderer Leute zu verurteilen, ohne auf die eigenen zu sehen. Mein geliebter Jesus sagte mir:

„Das sicherste Mittel, um mit seinem Nächsten aufrichtig zu sein, ist durchaus nicht auf das zu sehen, was sie tun, denn Schauen, Denken und Richten ist alles dasselbe. Noch dazu betrügt man seine eigene Seele, wenn man auf seinen Nächsten sieht, und daher ist diese Seele dann nicht aufrichtig, weder mit sich selbst, noch mit seinem Nächsten, noch mit Gott.“

Dann sagte ich zu Ihm: „Mein einziges Gut, schon seit längerer Zeit hast Du mir nicht einmal einen Kuss gegeben.“ Und so küssten wir einander, und Er fügte hinzu, um mich gleichsam korrigieren zu wollen:

„Meine Tochter, Ich empfehle dir, meine Worte zu bewahren und zu schätzen, denn mein Wort ist ewig und rein, wie Ich selbst es bin, und wenn du es in deinem Herzen bewahrst, und aus ihm Nutzen ziehst, wirst du geheiligt und als Vergeltung einen ewigen Glanz empfangen, der von meinem Wort für dich hervorgebracht wird. Wenn du anders handelst, würde deine Seele einen Leerraum empfangen, und du würdest so meine Schuldnerin bleiben.“